Presse & Impressionen

(c) Photos: Ali Mazloomian, Marek Benczewski

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Lilian Noetzel - Die Wiederkehr des Ornaments

 

Vom 04. - 31. Mai zeigt Maria Wirth in der bemerkenswerten Ausstellung Figures as Ornaments neben eigenen Gemälden Bilder des iranischstämmigen Berliner Künstlers TIBA .

 

Die Kunst hat sich mit dem Ornament lange schwer getan, es stand im Verdacht, additiver Schmuck zu sein, dekorativ, ohne eigenen Sinngehalt. TIBA begegnet dieser Kritik mit souveräner Ironie, indem er auf ausgesuchte Kelims und orientalische Flachgewebe malt. Das volkstümlich Symmetrische dieser Gebrauchskunst bricht TIBA bereits, wenn er diese auf Keilrahmen spannt und auch durch seine kräftigen, modernen Acrylfarben. Seine Motive greifen Elemente aus der persischen Mythologie (der Simorgh hat Ähnlichkeit mit dem Phönix aus der Asche aus der griechischen Mythologie) und aus der persischen Malerei auf. Dem abstrakten Wiederkehr-Motiv Phönix begegnet TIBA mit unbefangenen Farben, die an moderne Op-Art, an Graffity und naive Malerei erinnern. Ein überzeugender Eindruck von Lebensfreude. Einer mandeläugigen, idealisierten Schönen, der traditionellen persischen Kunst entlaufen, gibt TIBA Symbole von Glück und Gesundheit in die Hand, obwohl Symbole schon durch ihren Sinngehalt aller Ornament-Kritik entgegenstehen. Die Osmose zwischen re-framtem, kunsthandwerklichem Malgrund und TIBA‘s Malerei pendelt spannungsvoll zwischen Antagonistischem und Moderne, zwischen Orient und Abendland.

 

In der Kunst wurde das Ornament lange Zeit nur da anerkannt, wo es nicht den Rang nennenswerter Kunst erreichte, also Hauptobjekt künstlerischer Gestaltung und Entwicklung blieb. Deshalb bricht auch Maria Wirth in ihren lebendigen, meist großformatigen Bildern souverän mit dem Ornament-Diskurs. Sie weiß, dass das Ornament seit jeher die Funktion hat, eine Gliederung entweder zu betonen, indem es die einzelnen Teile optisch gegeneinander absetzt. Oder aber, dass ihm die Kraft innewohnt, eine Gliederung zu negieren. Sie entscheidet sich für‘s Negieren. Ohne je an die Welle der Grotesken-Ornamente aus der Renaissance zu erinnern, spannen sich in ihren Bildern Körper dem Raum entgegen, wie in den Raum hinein, auf dem Sprung, mitten in der Bewegung, jäh innehaltend. Die Muskeln gespannt, den Rumpf verdreht, werden Körper transparent oder fragmentiert, ohne ihre Lebendigkeit einzubüßen.

 

Das Wort Ornament stammt aus dem Lateinischen. In der antiken Rhetorik hieß Redeschmuck ornatus, man sprach nicht grundlos von sogenannten Rede-Figuren; denn sie wurden als Ausdruck von Bewegung, von Affekten, von Leben verstanden. Es handelt sich um ein unerschöpfliches Repertoire von Möglichkeiten, um Starres und Erstarrtes in neuer Form zu thematisieren und so zu aktualisieren. Maria Wirth‘s Figuren sind in der Bewegung fragmentiert, ästhetisiert und werden damit implizit hinterfragt. Sie sind höchst lebendig, auch wenn sie nicht reden. Sie sprechen für sich selbst.

 

Die Wiederkehr des Ornaments? Das Ornament 3.0 verzichtet sowohl bei TIBA als auch bei Maria Wirth auf Symmetrie, auf Verspielt-Epigonales. Die Zeiten des Dekors sind vorbei. Das Ornament aber steigt höchst lebendig aus der Asche.

 

© Lilian Noetzel                                                                                      Berlin, den 24.05.2019

Impressionen zur Vernissage der Ausstellung

"Figures as Ornaments"

04. Mai 2019

(c) Photos: Eddi Vahedi

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ArtStudio Maria Wirth beim Gallery Weekend Berlin 2019

Film zur Vernissage von "Zwielicht", 03. November 2018

Impressionen Finissage der "UnMaking Characters", 28. September 2018

Photos (c) Marek Benczewski

Impressionen Vernissage der "UnMaking Characters", 01. September 2018

Photos (c) Uwe Mikulla

Yossi Gutmann präsentierte seine "Deliberations: pieces for unaccompanied viola" im ArtStudio Maria Wirth, September 2018. Drei bezaubernde musikalische Reisen in die Welt der Malerei!

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Im Gespräch mit Maria Wirth über ihren geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Hintergrund, über leitende Motive und Fragestellungen ihrer Kunst und über die Kernidee ihres ArtStudio in Berlin-Charlottenburg.

Ein Interview von Michael Aquarius, Juli 2018

Aus dem Interview:

Maria Wirth zur Frage nach der Verbindung ihres geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Werdegangs: Es hat sich nicht erst später die Idee entwickelt zusätzlich zur Geisteswissenschaft (Deutsche Philologie und Philosophie) noch Kunst zu machen. Im Grunde hat mich schon immer die Bedeutung der Welt des Sinnlichen und des körperlich-intuitiven für die menschliche Existenz  interessiert und auch die Frage, wie man diese Bereiche, diesen Erfahrungsraum, der nicht greifbar ist, aus dem subjektiven Bereich herausholen, das heißt, mit künstlerischen Mitteln objektivieren kann, damit Menschen darüber reden können. Darüber hinaus finde ich, dass Kunst inhaltsreich sein soll, sie muss etwas zu sagen haben und Themen ansprechen, die die Menschen beschäftigen.

 

Über den Standort des ArtStudio Maria Wirth: Ich stelle mir als Vision für diesen Ort vor, dass er eine Plattform für Künstler wird, für die Begegnung mit Künstlern im Ursprung ihres Schaffens. Und, dass hier das Publikum erfahren kann, wie Kunst erst entsteht, was es bedeutet, KünstlerIn zu sein auf dem langen Weg zum fertigen Kunstwerk. Und geht es auch um die Idee, den wirtschaftlichen Aspekt als Maßstab für Kunstpräsentation in den Hintergrund zu rücken und bewusst zu machen, dass hinter jedem Kunstwerk ein Mensch steht, was ihn antreibt, und dass das Kunstwerk ganz individuell mit geschichtlichen, kulturellen und sozialen Bedingungen zu tun hat. Ich glaube, dass es sehr wichtig für das Verständnis von Kunst ist, auch hierzu Zugang zu haben: dass es immer einen Hintergrund, ein Subjekt gibt, das einen ganz eigenen Leidensweg und eine eigene Biographie hat.