Maria Wirth

Körperlichkeit und das gesamte Spektrum ihrer in die psychische Realität hineingreifenden und identitätsstiftenden Bedeutung für den Menschen - dies ist für die Künstlerin wie die Philosophin das leitende Thema ihrer Malerei, Mixed Media-Arbeiten und Graphiken.

 

Der menschliche Körper als Träger soziokultureller Codierungen, die dazu dienen, jedes Individuum in der Gesellschaft einzuordnen und zu bewerten, ist zugleich Inspirationsquelle wie ein zu überwindendes Prinzip ihrer künstlerischen Positionen. Der Körper ist ein gesellschaftspolitischer Gegenstand, ein Ort der Normierung und Normalisierung. Insbesondere für Frauen und Menschen sogenannter nicht-heteronormativer sexueller Ausrichtung war und ist die Frage des eigenen Körpers als notwendiges Instrument der Identitätsstiftung seit Menschheitsgedenken problematisch. Für die  Mediengeneration des 21. Jahrhunderts mit ihren primär auf Visualität und Intimität basierenden Kommunikationstechnologien gewinnt diese Tatsache eine noch akutere Bedeutung.

Schlafend auf dem Ruecken eines Tigers Maria Wirth Malerei

 

 Vor diesem Hintergrund zielen Maria Wirths Arbeiten darauf ab, die rund um den biologisch-anatomischen wie auch den Gender-Körper aufgerichteten Kategorien der Moderne zugleich aufzurufen wie zu konterkarieren. Die „ProtagonistInnen“ ihrer Arbeiten widersetzen sich jedem klassischen Vorbild der Körperdarstellung, verweigern sich jedem Kanon anatomischer Ästhetik und Maßhaftigkeit. Stattdessen entfalten sie eine ganz eigene Physiologie, die einer extra-terrestrischen Welt zu entstammen scheint. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Welt, die sehr ernsthaft an das Leben und Erleben der Künstlerin anknüpft. Die autobiographischen Komponenten kleidet sie in eine vagabundierende, farbgewaltige Imagination, um daraus überindividuelle Fragen des zeitgenössischen Lebens zu kondensieren.

 

Obwohl figurativ und stilistisch in einer surrealistischen Tradition stehend, sind die Werke das direkte Gegenteil von jeder Illustration oder Visualisierung vorgegebener Konzepte. Ganz im Gegenteil bilden sich in jedem Schaffensprozess Konzepte allererst aus: hermetische Konzepte, die einem Dialog aus Form- und Farbbewegung entspringen, der sich bei jedem künstlerischen Akt individuell und immanent entwickelt. Dabei lösen sich Ideen wie „das Weibliche“, „das Männliche“, „das Hermaphroditöses“ oder „das Intersexuelle“ von ihrer Klassifikationsfunktion und werden zu fluktuierenden Prinzipien künstlerischer Komposition. Wohin die Künstlerin vordringen will, ist all das Verdichtete, Verschränkte, Ambivalente der Existenz, das sich in jeder Wortsprache in Begriffen auflösen und seine Opazität verlieren muss. Hier endet das Reich der Worte, das begriffliche Denken stößt an seine Grenzen.

 

Wo Maria Wirth die Dekonstruktion von Geschlechts-, Körper-, und Identitätskategorien durch die Einbeziehung von Tieren, Fabelwesen und Chimären erweitert, knüpft sie an antike Vorstellungen von Körper und Seele sowie deren zeitloser Metaphorik an. Die Mischwesen und Gefährtenschaften verschiedener Spezies, die daraus entstehen, folgen einer Ästhetik jenseits anthropozentrischer Konventionen und rühren an der Frage nach deren Legitimation. Was als Auseinandersetzung mit verzerrten, überdehnten, fragmentierten, zum Teil absurden Körperformen und -posen beginnt, führt so hinter die Fassade des kultivierten menschlichen und des domestizierten tierischen Wesens und auf diesem Wege zur Grundsatzfrage nach Natürlichkeit, Schönheit, ja, Wirklichkeit.

Paar von Himmelblau zu Schwarz Maria Wirth Malerei