texte & aphorismen

090424 (zu "Segelhaus no.6")

 

Tagschatten.

Jahrhunderte altes Gestein jenseits von Rosenblütengärten,

Sonnenstränden haust hier Duft feuchtkalter Gewölbe,

aufgesogen mit versunkener Zeit.

Schattenfenster hüllen ins Dunkel Gesichter,

die damals hier in den Garten ihrer Heimat blickten,

gestrandet am Ufer des Lebens

schreiben sie nun Poesien nie erhörter Ahnen.

Aus der ersten Tür Entscheidung wuchsen weitere

Tausende und daraus ward ein Haus Leben. Für uns©

 

120324

 

Blick zum Fenster gesplittert Glas

aus frühmaligen Jahren

ererbt sich ein Aufschrei der Zeit,

die nicht vergessen wollte

werden im Fliehen all dessen,

was jemand zuletzt "Sein" genannt haben soll.

Die Pupille, die Ewigkeiten ausharrte,

mag jedem Augenblick gewachsen sein, das Blinzeln

des Augenblicks nimmer der Ewigkeit.©

 

150224 (zu "Für H. Bellmer")

 

Eckenmädchen, gelehnte Glieder

im Fortsinken noch Stolz tragend,

den niemand einem blassen Kind ansah.

 

Nackt ohne Anlass, geraubt die Kleider

Sicherheit, die ihr einst die Welt versprach.

Das Fliesen werk glatt und kalt, zum Aufstehen

kaum geeignet ohne Licht

mit hölzernen Fußattrappen.

 

Zopfkinder und Puppenmünder

reizvoll wie Pfirsich und Mohn,

Blöße, die frei von Scham jenseits

der Frühlingswiese ruht

weggeworfen.©

 

250923 (zu "Chasse à trois")

 

Im getigerten Lauf blecken sich ein paar Zähne

nach Haut, weißer transparenter Haut, da

in ihrem Puls Furcht nicht zu vernehmen ist.

Stattdessen die Lust nach Freiheit, Nacktheit und Tanz, nach etwas,

das das Unzähmbare im Menschen mit dem Instinkt des Tieres eint.

 

Zwei Trommeln gleich, schlägt ein in zwei Teile gerissenes Herz

im Rhythmus einer alten Melancholie und seine Glieder tanzen jeden Tag

zum Anbruch der Nacht im Takt derselben Melodie.

Nur der Sonnenuntergang versteht beider Teile Begehren und leuchtet rot,

bis jemand sie erhöre im Gebäude der Einigkeit.©

 

230823 (zum Zyklus "Segelhäuser")

 

Getürmtes Gefährt Leben,

gewachsen aus zugestoßener Zeit und selbst gegangenen Scheidewegen.

Stürme mussten hier einbrechen, damit man Festen wieder aufbauen lernte,

deren Halt von je her ungewiss war.

 

"Von je her" stammt alles: die glühenden Böen des Südens wie das sehnende Rufen des fernen Nordwindes bis in den Winkel der leis pfeifenden Zugwinde, die in den Nischen aller Häuser tollen, um gespenstische Echos zu erzeugen.

 

Wer jedoch ein Segelhaus hat, kann hart am Wind fahren, denn er hat all diese Klippen gesehen. Er kennt ihren Sinn, fühlt ihn wohl mehr als ihn zu verstehen. Wer ein Segelhaus hat, sieht sich nicht den Winden ausgesetzt, sondern wohnt in ihnen und baut weiter hinauf 

in den Himmel der Ewigkeit.©

 

010423 (zu "Puppet Garden")

 

Geblümte Nacht, buntgesticktes Dunkel,

gedeihend' Garten mit Fantasiefrüchten.

Nackt baden am ersten Tag

und beten am letzten.

Gehen, wenn das das Glas voll ist,

dorthin, wo sich nur aus Quellen trinken lässt.

Puppenträume und Abendgrauen

Lippen wie einen Schmetterling küssen.

An jedem Morgen neu geboren werden.©

 

180323 (zu "City of Books")

 

Zartes Papier Bücher, die Buchstaben hineingeschwärzt.

Zeile um Zeile in die Unendlichkeit fortlaufend wie ein durstiger Faden

Unendliche Bibliothek, die nicht versiegen will.

Nicht ein Geist vermochte sich je aus einem großen Buch zu erheben,

so dass er selbstständig weiterging. Bis ans Lebensende.

Das Ultimativ der Dichterphantasie: wenn aus Büchern Ideen werden

und aus Ideen eine Welt.

Das tiefe Blau Tinte ruft Ewigkeit, die Imagination Mensch schenkt die Seele.©

 

150223

 

Haut

Wärme und Zärtlichkeit

Sonnengelb und Draußen. 

Der Geist und der Herzschlag.

Gewebe, Werden, Zukunft im Traum:

Idee der Zeugung = künstlerische Schöpfung,

Obelisk, Krieg, Krone, Herrlichkeit©

 

030223

 

Begehrst Du oder liebst Du?

Im Nebel wir zwei ein Dunkel.

Im Sonnenschein ein Licht.

Wir sprechen, die Zeit rennt fort und ich berühre

Dich jenseits der Klippe,

die zwischen unsere Welten gespannt ist.

Sie hält uns, denn nur ihre Leere hat Raum genug

für die Poesie von Zungen.©

 

161122 (zu "Parzenstunde")

 

Ein Parzenrund

Drei Damen, eine Stund

Die Zukunft tief im Dunkeln

Verhöhlt, gekerbt, ein Funkeln

 

Vergangenheit, die Bannerin, eine

Zukunft, die uns süchtig macht und treibt,

Du, Gegenwart, ewige Gebärerin

von allem, das niemals war und niemals bleibt.©

 

101120

 

Kosmogonales Stück über das Schöpferische

I

Wie es am Anfang war, kann man später nicht erinnern. Im Chaos. 

Dunkel muss es gewesen sein, denn wo Farben keine Körper tragen, bleibt alles schwarz. Und das Ur-Summen. Es entstammt einer schöpferischen Energie, wie sie nur ungestalter, aufgeladener Materie eigen ist, die Form werden und Gerüche, Düfte, Klänge, Temperamente ausspucken muss. Chaos ist Schöpfung im Anfang. Es ist die Leidenschaft und verschluckt und reißt mit sich, bis man die Segel setzen gelernt hat.

II

Wie eine rohe Leinwand hatte sich am Anfang Gaia mit ihrem weiten Leib ausgebreitet, wo es heute aufstrebende Berge und ruhende Täler gibt. Feuchtes und Fließendes, Blühendes, Blättriges, Sandiges, Sumpfiges, Steiniges, das Gestrüpp zum Verirren und die Höhlen. 

Geborenwordensein bedeutet Erdenschwere aushalten und wandeln zu lernen zwischen Tag und Nacht, deren Geschwister Hypnos und Thanatos sind. Es bedeutet ein nicht rücknehmbares Unzuhause und Ausgesetztsein - der Ursprung allen Suchens und der Sehnsucht nach Liebe. Anruf und Echo der Welt.

III

Schöpfung ist Liebesakt und so hat sich Gaia ihren Uranos geboren, der sie seitdem umspannt, einhüllt, in ihre Poren dringt. Naturmutter, Titanenmutter, Menschenmutter - die ewig gebärende und nimmermüde Quelle des Seins. Wüste und Acker aller suchenden, sehnenden und hungrigen Menschenkinder.

Und immerdar deren Ende.

IV

Geburt: Erlebnis des aufgefangen und entgegengenommen Werdens, der kalte Luftzug und eine wärmende fremde Haut. Mit dem Atmen beginnt das Ahnen und damit das erste tastende Formulieren einer Idee.©

 

220718

 

A.K.s Notizbücher, die Gedanken eines Künstlers, Schamanen, mit denen ich vertrauter geworden bin. Ein Mann, der dem Weilen und Wesen der Dinge beiwohnt und, schreitend, überlegen seine Kunst daraus schöpft. Er, der nimmermüde das Werden seiner Kunst grübelnd umkreist, machte mir deutlich, wie sehr in meinem eigenen Kunstschaffen eine Art Gewalt, eine Impulsivität, Fleischigkeit und Aufruhrfreude lebt. Das Präsenzstreben seiner Werke: überwältigend. Sie wollen rufen, fesseln, plakatieren. Ja, sie wachsen auch, allmählich, organisch. Doch ihr Geheimnis ist das Verschlingen der Leinwand.©

 

 

130618

 

Ornament ist ein Schreiben im Körperlichen und Intuitiven, es ist ein Denken im Plastischen und Materiellen, eine Hymne an die Form und an das, was die Natur ebenso wie alles Kunstgeschaffene lebendig macht. Ornament ist zugleich Schmuck, es ist Hintergrundrauschen, Handwerk und Meditation, aber auch Gebet und Verbindung zum Kosmos. Schon im allerersten Ornament hat sich eine menschliche Seele behutsam und rhythmisch in den Raum entrollt.©

 

070617

 

Blau ist ein Ozean

und das Universum geht nach innen.

Warum isst die Zeit das Licht

und speit es immer wieder aus?

Der Escape-Button ist defekt.

Neuerdings sind Geräusche im Dickicht.

Im Wasserglas ist ständig Wein

und die Haut flüstert

mir uralte Geschichten ins Ohr.

Tanz bis ins Morgengrauen

Nimmernacht.©

 

150117

 

Someday, it must have been long time ago, I watched some paint running down an old wooden plank as if it were the lustrous resin from the wounds of trees. For me, the sparkling flow of this rivulet left no doubt that this plank was crying, hungering for salvation.

Tilted askew, it bestowed the Steel Blue a pathway on its skin that has been fissured by life and love.

This spectacle, I thought, contains the heart of painting in its origin.©

 

031016

 

Wenn die eigentlichen "Dramen" die Geschichten unseres Lebens sind, dann sind wahre Kunstwerke Spiegel, in denen uns die Spuren dieser Dramen wiederbegegnen, um uns Gelegenheit zu geben, sie erneut zu durchleben.©

 

310516

 

Rot und Endlichkeit

Leben nach Sucht

Blau aus Leidenschaft

Kein Zurück

Tiefgrau.

 

Blicke im Bild,

Kein Lächeln gestillt.

Unvertrauen:

Gelb und Ende

Zeitenwende.©

 

280516

 

In den Schwärzen der Höhle lauernd,

drauf wartend, dass jemand mich ruft,

über tiefe Einsamkeit trauernd

und hoffend, dass jemand mich sucht -

 

Ringsum schweigt pulsierender Stein,

fernes Tageslicht ummäntelt mit Angst.

Ich bin Echo, Antwort auf dein Sein,

Wiederhole, was Du von mir verlangst.©

 

250216

 

Unaufhörlich Flucht der Zeit

Verlust an Nachdenk-, Verstehens-, Gedenk-, Genuss-, Körper- und Gefühls-

Zeit. Lebenszeit

reißt Wunden ins Sein.

Jetztheit und mein "ich BIN" verschwinden im Archiv

verlieren ihr Gesicht.

Je schon ward ich hinfort gesprintet, habe die Knospen mit kräftigen Tritten zerstört.

Fassadenexistenz will geduldig bleiben,

zeitlos dauern, aber jenseits des Atmens.

Gerinnung Ich

Schorf Hirn

Mauer vor Weitsicht

Stundenglasakrobatik.©

 

260916

 

Glance onto the sea

Foam on unrestrained waves

Blue of the depths saturating dark dreams

Heart fibers trembling in the last sunlight

The north wind is carrying home his towering gold-crowned clouds.

 

I stare at the sea

and I am with You

without me.©

©Maria Wirth | Alle Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen nicht ohne Erlaubnis reproduziert oder zitiert werden.