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Maria Wirth Malerei Berlin

Tiere

Die Darstellung von Tieren in meinen Kunstwerken rühren an einem kulturellen Gedächtnis der Menschheit, das in seinem Grunde schizophren ist. Auf der einen Seite steht das Tier als eine niedere Spezies: gezüchtet, genutzt, verbraucht, verzehrt, trainiert und getötet, auf der anderen Seite steht eine Ikone: Freund, Beschützer, Retter, Trostspender, Sinnbild, Traumbild, Alter Ego. 

Was mich an diesen scheinbar unversöhnlichen Extremen als Künstlerin und Philosophin fasziniert, ist, was der Mensch im Umgang mit Tieren von sich selbst preisgibt, insbesondere davon, wie er sich zu sich selbst und seinen Mitmenschen verhält. Das Tier als Opfer von Macht, Disziplinierung, Optimierung und einer aus psychologischer Sicht unberechenbaren Angstliebe ist für mich künstlerisch eine unerschöpfliche Quelle, da ich in all den (je nach Gattung unterschiedlichen) Gestalten, Bewegungstypen und anthropologisch aufgeladenen Bedeutungen Bildmodelle finde, die den menschlichen Leiden, allen voran den Leiden an uns selbst, eine visuelle, das heißt, sinnliche Sprache verleihen. Das Bild geht tiefer als das Wort. Darin findet das ganze Universum von Herrschaft, Ungleichheit, Fremdheit, körperlicher und seelischer Domestizierung, ja Ausbeutung seinen Platz. 

Zur gleichen Zeit - wie gesagt, die Angelegenheit ist schizophren - repräsentieren Darstellungen des Tieres und die oft mythologisch durchdrungenen Ideen über dessen Wesen Schönheit, Kraft und Spiritualität. Tierwesen sind uns zu seelischen Begleitern, zu Wegweisern und Schutzsymbolen geworden. Wir suchen ihre Nähe und Zuneigung.

Diese kulturell verwurzelte Ambivalenz des Menschen, die sich in seinen Beziehungen zum Tier niederschlägt, nutze ich in meinen Werken als Spiegelelemente für das Selbst- und Fremdverhältnis von Menschen und auch meines Verhältnisses zu mir selbst.

Bild oben: Fliehendes Vieh - Kohle, Schellack, Öl auf Leinwand, 150 x 110cm, 2021

Maria Wirth Mixed Media Berlin

Wunden

Wunden sind eine Inspiration meiner künstlerischen Arbeit. Wenn eine Wunde geschlagen ist, muss sie versorgt werden, heilen, es entsteht Schorf, der abfällt, und wieder Schorf, der die neue Haut entstehen lässt, der wieder abfällt usw. Die Arbeit an meinen Bildern verläuft sehr ähnlich: ich baue Oberflächen und schlage darin Wunden, forme Gestalten und verletze sie durch Lösungsmittel oder mechanische Einwirkungen. Aus den auf- und abgetragenen Flächen auf den Leinwänden entstehen auf diese Weise nach und nach Situationen, die für mich Narbenlandschaften sind. Was am Schluss noch da ist, hat überlebt, was nicht, hat beim Verschwinden mindestens Spuren hinterlassen.

 

 

Bild links: Grübeltier - Schellack, Kohlespäne, Beton auf Leinwand, 30 x 30cm, 2020

Maria Wirth Malerei Berlin

Gender und sexuelle Identität

Der menschliche Körper als Träger soziokultureller Codierungen, die dazu dienen, jedes Individuum in der Gesellschaft einzuordnen und zu bewerten, ist zugleich Inspirationsquelle wie ein zu überwindendes Prinzip meiner Kunst. Der Körper ist ein gesellschaftspolitischer Gegenstand, ein Ort der Normierung und Normalisierung. Insbesondere für Frauen und Menschen sogenannter nicht-heteronormativer sexueller Ausrichtung war und ist die Frage des eigenen Körpers als notwendiges Instrument der Identitätsstiftung seit Menschheitsgedenken problematisch. Für die  Mediengeneration des 21. Jahrhunderts mit ihren primär auf Visualität und Intimität basierenden Kommunikationstechnologien gewinnt diese Tatsache eine noch akutere Bedeutung. Vor diesem Hintergrund zielen meine Arbeiten darauf ab, die rund um den biologisch-anatomischen wie auch den Gender-Körper aufgerichteten Kategorien der Moderne zugleich aufzurufen wie zu konterkarieren. Die „ProtagonistInnen“ meiner Arbeiten sollen sich jedem klassischen Vorbild der Körperdarstellung widersetzen, sich jedem Kanon anatomischer Ästhetik und Maßhaftigkeit verweigern. Stattdessen entfalten sie eine ganz eigene Physiologie, die einer extra-terrestrischen Welt zu entstammen scheint. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Welt, die sehr ernsthaft an meinem persönlichen Leben und Erleben anknüpft. Die autobiographischen Komponenten kleide ich in eine vagabundierende, farbgewaltige Imagination, um daraus überindividuelle Fragen des zeitgenössischen Lebens zu kondensieren. Wo ich die Dekonstruktion von Geschlechts-, Körper-, und Identitätskategorien durch die Einbeziehung von Tieren, Fabelwesen und Chimären erweitere, knüpfe ich an antike Vorstellungen von Körper und Seele sowie deren zeitloser Metaphorik an. Die Mischwesen und Gefährtenschaften verschiedener Spezies, die daraus entstehen, folgen einer Ästhetik jenseits anthropozentrischer Konventionen und rühren an der Frage nach deren Legitimation. Was als Auseinandersetzung mit verzerrten, überdehnten, fragmentierten, zum Teil absurden Körperformen und -posen beginnt, führt so hinter die Fassade des kultivierten menschlichen und des domestizierten tierischen Wesens und auf diesem Wege zur Grundsatzfrage nach Natürlichkeit, Schönheit, ja, Wirklichkeit.