themen

Mein Ansatz ist die intuitive künstlerische Arbeit als Ort und Prozess der Verkörperung und Neuinterpretation von kulturellen Konventionen, gesellschaftlichen Normen und individueller Verwirklichung. Meine Bilder schaffen Räume, in denen grundlegende Themen wie Sehnsucht, Angst, Gewalt, Liebe, Erinnerung sinnlich nachfühlbar und reflektierbar werden. Sie entstehen aus der emotionalen Wirkung von Farbe und den bildgebenden Impulsen, die während der künstlerischen Arbeit freigesetzt werden. Inspiriert von Philosophie und Psychologie sind die im Prozess entstehenden Figurenkompositionen experimentelle Transformationen von Topoi und Rollenbildern aus Mythologie und Kulturgeschichte insbesondere in Bezug auf Konzepte von Weiblichkeit.

Tiere

Tiere sind Teil unseres kulturellen Gedächtnisses und verkörpern das widersprüchliche Verhältnis des Menschen zur Natur. Auf der einen Seite steht eine niedere Spezies: gezüchtet, diszipliniert und als "Lebensmittel" verbraucht; auf der anderen Seite dienen sie als Freund, Beschützer, Trostspender, Sinnbild. Diese Bivalenz steckt in all meinen Tiermotiven, sie verleihen den menschlichen Themen einen Spiegel und dem Menschen ein Alter Ego. Was er im Umgang mit Tieren von sich selbst preisgibt, zeigt, wie er zu sich selbst und seinen Mitmenschen steht — in einer Waage zwischen Disziplinierung, Optimierung und Rationalismus einerseits und Schönheit, Kraft und Spiritualität andererseits.

Wunden

Wenn eine Wunde geschlagen ist, muss sie versorgt werden, heilen, es entsteht Schorf, der abfällt, und wieder Schorf, der die neue Haut entstehen lässt. Die Arbeit an meinen Bildern verläuft ähnlich: ich baue Oberflächen und schlage darin Wunden, forme Gestalten und verletze sie durch Lösungsmittel oder mechanische Einwirkungen. Was am Schluss noch da ist, hat überlebt, was nicht, hat beim Verschwinden Spuren hinterlassen. So entsteht ein Objekt mit Tiefe, das Geschichten erzählt. Seit 2023 sind neben Ölfarbe Schellack und Asche für mich wichtig geworden, um die Erfahrung von Zeit und Geschichtlichkeit physisch zu repräsentieren. Ich wünsche, dass meine Bilder dem Eindruck eines gelebten Lebens nahe kommen, darin archäologischen Artefakten gleich, die es schon solange gibt, wie die menschlichen Themen, die sie verhandeln.

Wunschmaschinen

Wunschmaschinen = machines désirante = Begehrensmaschinen, ein Begriff, geprägt von Gilles Deleuze und Félix Guattari für die Idee eines produktiven maschinellen Unbewussten (Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie I) Im Unterschied zu Freud, dem Vater der Theorien über das Unbewusste, wenden sich Deleuze und Guattari gegen die Vorstellung, dass das Unbewusste rein psychisch, also irgendwo in unserem Kopf verborgen sei. Stattdessen steckt es für sie bereits in allen technischen und gesellschaftlichen Prozessen. Die soziale und kulturelle Welt, in der wir Leben, ist immer auch die Welt, in der unser Unbewusstes stattfindet bzw. an der es auch gestaltend mitwirkt, also wie wir Dinge wahrnehmen oder welche Gefühle sie in uns auslösen.

 

Die Anlehnung an Deleuzes und Guattaris „Wunschmaschinen“-Konzept ist in gewisser Weise eine (Selbst-) Kritik an Kategoriebildungen wie Weiblich vs. Männlich oder animalisch (Tier) vs. kultiviert (Mensch) — Themen die in meinen Bildern immer wieder vorkommen. Liest man Gesellschaften als komplexes Miteinander von „Wunschmaschinen“, verlieren Relationen wie Ursache und Wirkung, Täter und Opfer, Herrschende und Beherrschte, Reiche und Arme, Diskriminierende und Diskriminierte ihre Eindeutigkeit. Das hierarchische Denken verliert den Boden unter den Füßen und alle sitzen sozusagen in demselben Boot.

(c) Maria Wirth | Alle Texte unterliegen dem Urheberrecht und dürfen nicht ohne Erlaubnis reproduziert oder zitiert werden.